Wie wir anderen blossen Sterblichen erleben nur wenige grosse Komponisten ihren 100. Geburtstag. Der Songwriter Irving Berlin (1888–1989) wurde bekanntlich 101 Jahre alt, zog sich jedoch bereits in seinen 70ern vom Komponieren zurück. Der weithin geschätzte amerikanische Meister der Moderne, Elliott Carter (1908–2012), erreichte das Alter von 103 Jahren und vollendete sein letztes Werk nur wenige Monate vor seinem Tod. In diesem Monat feiert der grosse ungarische Komponist György Kurtág (* 19. Februar 1926) sein Jahrhundertjubiläum mit Stil: Ein zweiwöchiges Festival in Budapest widmet sich seiner Musik, dessen Höhepunkt seine neue Oper Die Stechardin sein wird – basierend auf den Briefen und Schriften des Universalgelehrten Georg Christoph Lichtenberg aus dem 18. Jahrhundert.
Spätentwickler
Die Oper ist ein Genre, dem sich Kurtág erst spät im Leben zugewandt hat: Sein einziges anderes Werk in dieser Gattung, Fin de partie (nach Samuel Becketts absurder Tragikomödie Endspiel), wurde 2018 an der Mailänder Scala uraufgeführt. Tatsächlich war Kurtág (ähnlich wie ein anderer grosser Individualist der Musik, Leoš Janáček) so etwas wie ein Spätentwickler. Sein Opus 1, das Streichquartett Nr. 1, stammt aus dem Jahr 1959. Sein akribischer, oft stockender Kompositionsprozess, der häufig langwierige Revisionen beinhaltete, führte dazu, dass sein Schaffen selbst in seinen späten 50ern erst bei Opus 23 angelangt war. Die meisten seiner Zeitgenossen – darunter Boulez, Stockhausen, Nono, Feldman und sein Landsmann und enger Freund György Ligeti – hatten zu diesem Zeitpunkt ihrer Karriere bereits weltweite Anerkennung gefunden.
Der Durchbruch: Kafka-Fragmente
Mitte der 1980er Jahre begann Kurtág wirklich, sich einen Namen zu machen, vor allem mit seinen Kafka-Fragmenten für Sopran und Violine. Dieser 40-sätzige Liederzyklus vertont Auszüge aus Franz Kafkas Tagebüchern und Briefen in hochkonzentrierter, epigrammatischer Form (viele der einzelnen Stücke dauern weniger als eine Minute, das kürzeste lediglich 15 Sekunden). Diese Fragmente bieten einen wunderbaren Einstieg in Kurtágs Musik: Sie sind kompakt, oft kompromisslos in ihrer Verwendung modernistischer Gesten und fordern sowohl von den Ausführenden als auch von den Zuhörern äusserste Konzentration und Fokus. Belohnt wird man mit einer existenziell unmittelbaren Ausdruckswelt, die ebenso rätselhaft und faszinierend ist wie Kafkas Texte selbst. Schon der Beginn des Werks ist aufschlussreich: Es startet mit der Violine, die ein gestrichenes (détaché) mittleres C und D anschlägt; wenn die Stimme einsetzt, begeht sie eine der „schlimmsten“ musikalischen Sünden: Parallele Quinten über der Violine! Dieses winzige Detail zeigt bereits, dass Kurtág nie jemand war, der sich der musikalischen Orthodoxie beugte.
Anfänge
Zu Kurtágs Lehrern im Budapest der späten 1940er Jahre gehörten Sándor Veress, Ferenc Farkas und Leó Weiner. Im Paris der späten 1950er Jahre (nach dem ungarischen Volksaufstand von 1956) studierte er bei Olivier Messiaen und Darius Milhaud. Weitere Einflüsse auf seine frühe Entwicklung waren die Werke von Bartók und Webern. Die Konfrontation mit einer breiten Palette an Musik und musikalischen „-Ismen“ führte bei ihm jedoch zunächst zu der Überzeugung, keinen Weg voran zu finden. Es war die Kunstpsychologin Marianne Stein, die Kurtág davon überzeugte, mit den grundlegendsten musikalischen Elementen zu arbeiten. Dieses Gefühl, dass jedes Stück seine Wurzeln in den absoluten Basics der Musik hat, ist fundamental für das Verständnis seines Stils.
In der Kompositionswerkstatt: Játékok
Ein weiterer entscheidender Aspekt von Kurtágs Musik ist das Gefühl absoluter Konzentration, sowohl technisch als auch emotional. Dies zeigt sich in der fortlaufenden Serie pädagogischer Klavierminiaturen Játékok („Spiele“) für Klavier solo oder zwei Spieler. Die 1973 begonnene Sammlung umfasst mehrere hundert Stücke in (bisher) 10 Bänden – ein elfter ist in Vorbereitung – und enthält alles von Transkriptionen Bach’scher Kantatensätze bis hin zu postkartenähnlichen Widmungen an Freunde, Kollegen und Familie. Es ist eine Art Laboratorium aus Mikrostücken, die Kurtág oft gemeinsam mit seiner verstorbenen Frau Márta als musikalische Visitenkarte präsentierte. Ihre Interpretation der einleitenden Sonatina aus Bachs Kantate Actus tragicus (BWV 106) ist wahrscheinlich die beste Einführung in die ausserordentlich intime und feingliedrige Klangwelt, die sie gemeinsam schufen.
In grösserem Massstab: Stele
Nicht alle Werke Kurtágs sind Miniaturen. Als seine Musik ein breiteres Publikum erreichte, folgten die Kompositionsaufträge. 1994 brachte die Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado Stele zur Uraufführung – ein 12-minütiges, dreisätziges Werk für riesiges Orchester, inklusive vier Perkussionisten, Celesta, Flügel, Klavier und Cimbalom (letzteres eine Verbeugung vor Kurtágs ungarischer Herkunft). Diese grossangelegte Trauermusik enthält Referenzen an vergangene Traditionen, wie etwa den Einsatz von vier Wagnertuben. Obwohl die Musik in ihren Harmonien kantig-modernistisch ist, gibt es Momente von Leuchtkraft und eindringlicher Stille, so kryptisch und anspielungsreich wie kaum eine andere Musik des letzten Jahrhunderts. In Kurtágs eigenen Worten erzeugt eine bestimmte Passage eine Wirkung wie „die Szene in Tolstois Krieg und Frieden, in der Fürst Andrej bei Austerlitz zum ersten Mal verwundet wird: Plötzlich hört er die Schlacht nicht mehr, sondern entdeckt den blauen Himmel über sich. Das ist es, was die Musik heraufbeschwört.“
Vokalmusik
Während das Genre Oper ein Neuland für den über 90-jährigen (!) Komponisten war, reicht seine Musik für Stimmen – solo oder chorisch – bis zu einem Tanzlied zurück, das er 1950 für einen Kinderchor komponierte. Dazu gehören auch die bemerkenswerten Vier Lieder nach Gedichten von János Pilinszky, op. 11 (1975), mit ihrem erstaunlich rohen, gutturalen Satz für Solobass, der mal von einem Instrumentalensemble nur schattenhaft begleitet, mal von ihm intensiviert und verstärkt wird. Die 21-sätzigen Botschaften der verstorbenen R. Troussova, op. 17 (1976–1980), nach Gedichten von Rimma Dalos, sind noch aussergewöhnlicher; ihre Anzahl an Sätzen ist dabei eine klare Hommage an Schönbergs Pierrot lunaire.
Und Beethoven macht zwei…
Kurtágs Musik ist gespickt mit solchen Anspielungen. …quasi una fantasia…, op. 27 Nr. 1, für Klavier und „im Raum verteilte“ Instrumentengruppen, sowie op. 27 Nr. 2 (ein Doppelkonzert für Klavier, Cello und zwei Kammerensembles) huldigen Beethovens beiden Klaviersonaten mit derselben Opus-Nummer. Dennoch ist Kurtágs Musiksprache niemals vorhersehbar oder formelhaft. Die Opuszahlen, die Einbeziehung des Klaviers und die Tempoangaben sind die deutlichsten Bezüge zu Beethoven. Der krasse Kontrast zwischen den aggressiven Pauken- und Blechbläserakkorden des dritten Satzes von …quasi una fantasia… und der zerbrechlichen, jenseitigen Leuchtkraft der folgenden Aria ist so magisch wie alles in seinem Schaffen.
Ehrlichkeit, Offenheit, Fokus
Seit fast einem halben Jahrhundert geniessen György Kurtág und seine Musik die hingebungsvolle Bewunderung seiner Musikerkollegen und eines stetig wachsenden Publikums. Seine Kombination aus einer kompromisslos modernen Harmonik, der Ablehnung jeglicher Dogmatik und einem exakten Fokus auf die kleinsten Gesten und Nuancen macht seine Musik sowohl herausfordernd als auch immens lohnend. Seine perlengleichen Miniaturen ziehen weiterhin viele Menschen an, für die moderne klassische Musik ansonsten ein verschlossenes Buch sein mag. Vor allem aber liegt in seiner Musik – trotz ihrer oft anspruchsvollen Natur – eine Ehrlichkeit, Offenheit und Konzentration, die jedes Vorurteil entkräftet. Da seine schöpferische Kraft ungebrochen scheint, wünschen wir György Kurtág alles Gute zu diesem Meilenstein-Geburtstag und sagen ein grosses Dankeschön für sein aussergewöhnliches Werk.
Boldog 100. születésnapot!
György Kurtág: Sechs wesentliche Werke
- Játékok (1973–heute)
- Botschaften der verstorbenen R. Troussova, op. 17 (1976–1980)
- Kafka-Fragmente, op. 24 (1985–86)
- …quasi una fantasia…, op. 27 Nr. 1 (1987–88)
- Stele, op. 33 (1993–94)
- Vier Gedichte von Anna Achmatowa, op. 41 (1997–2008)
Mark Audus
Exklusiv für das Bulletin der Musikschule Bantiger, Februar 2026